Category Archives: prosa

Kurzprosa – nur so – für zwischendurch

Haben Regenwürmer Augen? – Leseprobe

Haben Regenwürmer Augen? – Leseprobe

Regenwurm in einer KinderhandLeseprobe

Haben Regenwürmer Augen?

„Heiliger Bodenkrümel, wo bin ich nur hingeraten? Hier kann ich nicht bleiben!“, dachte Knut und wühlte sich durch den sandigen Boden an die Oberfläche. Draußen war es angenehm feucht. Doch wohin sollte er kriechen?

Feine Signale schwirrten durch Knuts geringelten Körper und sammelten sich an einem Ende zu einem deutlichen Eindruck: Licht. Knut zuckte zusammen. Mit Sonnenschein konnte er nichts anfangen. Normalerweise wagte er sich nur bei Dunkelheit an die Oberfläche.

„Ich werde vertrocknen!“, schimpfte er.

Plötzlich hob sich die Erde um ihn herum und Knut wurde durch die Luft geschleudert. Er spürte die heiße Sonne auf seinen 75 Körperringen und landete auf schwarzem Boden.

Sofort verzog er sich in den schützenden Schatten und ringelte sich ein. Nur nicht bewegen, sonst schleuderte ihn die Monstergabel noch einmal durch die beißende Sonne!

„Bist du aber klein,“ hörte Knut eine Stimme neben sich.

Vorsichtig schob Knut sein Kopfteil nach oben: Da war noch ein Regenwurm. Aber viel dicker und viel länger, das spürte Knut.

„Wo sind wir?“ Er öffnete sein Maul, um mehr von der Umgebung aufnehmen zu können. Eigenartig stumpf roch es hier, Erde verströmte sonst etwas Frisches.

„In einem Gemüsebeet. Gerade hat der Gärtner eine Ladung Torf bekommen, darum riecht es hier wie neu.“

„Fürchterlich! Zum sauer werden. Nur Haare und Fasern!“

Der dicke Regenwurm lachte. „Was hast du denn gedacht, Kleiner! So ist Torf!“ Dann tastete er Knut Ring für Ring ab. „Kannst du überhaupt schon Tunnel bauen?“

„Bisher habe ich in den alten Gängen Anderer gelebt. Aber jetzt bin ich unterwegs einen eigenen Tunnel zu bauen,“ antwortete Knut stolz.

Der Dicke schmunzelte. „Bleib dicht neben mir liegen, dann erkläre ich dir, wie du einen Tunnel graben kannst.“

Knut machte es sich neben dem Dicken bequem.

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Neues eBook: Haben Regenwürmer Augen?

Neues eBook: Haben Regenwürmer Augen?

Haben Regenwuermer Augen? Cover zum eBookKnut, dem Regenwurm, war es viel zu heiß. Er kroch in ein kühles Erdloch, dort fühlte er sich viel besser. Minuten später überflutete ein Regenguss alle Kuhlen und Gänge …“

Knut zieht los, sich ein besseres Erdreich für seinen Tunnel zu suchen.

Er fliegt mit einer Grabgabel durch die Luft und landet im Gemüsebeet. Dort findet er keine Blattreste zum essen und verzweifelt, bis ihm ein anderer Regenwurm rät, sich ins Blumenbeet zu verziehen. Auf dem Weg dahin verfolgt ihn eine diebische Elster, eine kleine Kinderhand rettet Knut und versenkt ihn unter ein Laubblatt. Endlich hat er Ruhe und kann bauen ..:

Nirgendwo lassen sich ökologische Kreisläufe besser verdeutlichen und beobachten als beim Regenwurm. „Haben Regenwürmer Augen“ ist eine Geschichte über Regenwürmer für Kinder ab 5 Jahren. Ergänzt wird sie von Anregungen zum Weiterforschen und mit der Bauanleitung für ein Regenwurmhaus.

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Wenn die Zeit stillsteht

Wenn die Zeit stillsteht



Unter Linden auf dem Hügel flattern weiße Decken im Wind. Sie zieren eine lange Tafel. Die vielen Stühle leer, Gläser und Teller wie hingeworfen, weggeschoben, nicht mehr gebraucht, unnütz, verdreckt. Der Morgen reinigt die Nacht. Breitet sich aus über dem Tal. Am Rande stehen wir und sehen auf die Schlucht. Tiefeingeschnitten, malerisch, zu schön um nah zu sein.

Das Leben ist wie das Wasser in dieser Schlucht“, sagst du. „Es gräbt sich ein, immer weiter, unaufhaltsam, unumkehrbar.“

Dann lass uns sie Zeit anhalten“, erwidere ich.

Wenn die Zeit stillsteht, verändern wir uns nicht. Der Lebensfluss verliert an Fülle.“

Ein Flussbett kann weich und fruchtbar sein.“

Das Leben muss ein Strudel sein! Er erfasst mich, zieht mich runter, dreiundzwanzig Engel ziehen mich wieder empor!“

Du nimmst den Zug.

Ich werde heute Nacht wiederkommen und mich unter die Linde stellen und spüren wie der Wind die Erinnerung verweht.

©by tine 09-11

grashalm

grashalm


Kein angenehmer Ort. Ein neuer Bahnhof in mitten von Autohäusern, Supermärkten und Lagerhallen. Hier hielt sich nur auf, wer weg wollte. Lea betrat den Backshop. Der einzige Mitarbeiter wirbelte zwischen Brezelofen und Kasse hin und her. Unter der abgehängten orangeroten Plastikdecke ein Tresen aus Holzimitat. Zwei Teenager warteten darauf, dass Brezeln fertig würden.

„Zwei Minuten, Belli“, sagte der Italiener mit gefärbten schwarzen Haaren. „Signora, bitte schön?“

Lea bestellte einen Latte Macchiato, bezahlte und setzte sich mit dem Glas ans Fenster. Die Lichter der Autos bildeten durch den Schneeregen hindurch eine Kette.

Roland kam ein paar Minuten zu spät. Der Italiener begrüßte ihn per Handschlag. „Ein gutes Neues, Ronaldo. Was liegt an?“

„Alles bestens, Antonio. Und selbst? Gib mir einen Kaffee und …“ Roland prüfte die Reste in der Auslage. „ … einen Vanillekrapfen.“

Er stellte einen schwarzen Aktenkoffer mit zerschlissenen Ecken neben Lea ab und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Ciao, cara.“

„Was spielst du hier für ein Theater?“, fragte Lea.

Statt einer Antwort holte er seinen Kaffee und den Krapfen von der Theke.

„Antonio kennt hier jeden. Schau, wenn Du morgen wiederkommst, wird er fragen: ‘Wie immer, Signora?’ und du bekommst deinen Latte Macchiato mit extra schöner Schaumkrone.“

„Ich will ihn aber extra schön zwei farbig.“

„Antonio“, rief Roland. „Was ist das für ein Macchiato. Hast Du nichts im Hirn? Ein Macchiato gehört zweifarbig. Hörst du? Z w e i f a r b i g. Weiß, braun, weiß.“

„Lass das“, fuhr Lea dazwischen, „Alles in Ordnung, Antonio.“

Antonio grinste.

Roland sagte zu Lea: „Siehst du, morgen bekommst du ihn zweifarbig.“

„Ich komme morgen nicht wieder, ich komme nie wieder. Es ist zu trostlos.“

„Cara, ich bin hier. Hier ist mein Leben. Montag Starnberger Nordbahnhof, Dienstag Herrsching, Mittwoch Bad Tölz und so weiter.“

„Dein Leben ist trostlos.“

„Weil du den Grashalm nicht siehst.“

„Wo soll hier zwischen angepissten Bahnhofecken und grauen Schneeresten bitte schön ein Grashalm sein?“

„Nimm Antonio, er kennt hier jeden …“

„Du wiederholst dich.“

„Und weil er jeden kennt, vom Penner bis zum hochdotierten Pendler, und mit ihnen redet und ihnen zuhört, schafft er einen Grashalm, eine Oase.“

„Und deswegen musst du dich in einen italienischem Dünnbrett Vertreter verwandeln?“

„Ach du verstehst es nicht, so halte ich meinen Job aus. Das ist ein Spiel.“

Lea sah ihren Freund an. Graugrüne Augen inmitten von Lachfältchen. Ein liebevoller Mund. Er sah auch mit Ende vierzig einfach noch gut aus.

„Ein Spiel ohne Ziel?“, fragte sie.

„Ich lebe. Und ich lebe verdammt gut von meinem Job.“

„Von Fertigteig und Resopaltischen.“

„Sag nichts gegen meinen Fertigteig, er ist der beste am Markt und einwandfrei!“

„Das glaubst du doch selber nicht. Weiß Du wo alle Deine Zutaten her sind? Dein System ist falsch, das System, dem du dienst, ist falsch.“

Roland leerte seine Tasse in einem Zug. „Was ist das hier? Hast du eine Krise? Ich dachte wir wollten uns einfach mal zwischen drin treffen, weil du gerade in der Gegend warst. Wenn dir mein Job nicht passt, treffen wie uns nicht mehr hier.“

„Ja so wird es das beste sein.“

Sie sah auf die Uhr und erhob sich. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ciao, caro. Lebe wohl.“

Sie hatte wirklich eine Krise und das dringende Bedürfnis, sich in eine Frühlingswiese zu betten.

©by tine 01-11