Jenseits des Lichtkegels Sprandel

Kapitel 1 Rebecca

„Jetzt geht’s los. Jetzt geht’s los. Jetzt geht’s los!“, schreien die Künstler und rennen mit gebeugtem Rücken durch die Zuschauermenge. Rebecca und Angela stellen ihre Zellulosebecher mit Rotweinresten auf einen der überfüllten Stehtische im Vorraum und schlängeln sich an den Wartenden vorbei, um in der Arena ihren Platz einzunehmen. Die Stimmung ist gut.

„Nicht der Knüller, doch so gut, dass sich die zwei Coins auf jeden Fall gelohnt haben“, findet Angela.

„Es ist erst Pause. Vielleicht kommt noch mehr“, antwortet Rebecca.

Rebecca ist zweiundzwanzig Jahre alt und immer noch allein. Einmal mit achtzehn hatte sie einen Freund. Sie hat Umweltmanagement studiert und in diesem Sommer abgeschlossen. Das Studium war manchmal interessant. Sie mochte ihre Mitstudenten. Sie mag es, am Gärtnerplatz in den Rabatten zu sitzen, Bier zu trinken, laue Sommerabende zu genießen. Sie geht mit Angela aus. Manchmal auch mit Ute oder mit Dörte.

Angela strahlt über das ganze Gesicht: „Da ist Hannes.“

„Hey setzt euch zu uns, hier sind noch Plätze frei!“, ruft er zur Begrüßung.

Sie holen ihre Jacken und setzen sich nach vorne in die erste Reihe. Die alte Fabrik, die zu einem Theaterraum umgestaltet wurde, ist so beleuchtet, dass der Staub an den Wänden glitzert. Schlecht isoliert zieht es überall. Rebecca tippelt mit ihren kalten Füßen. Ein frischer, regnerischer Augusttag geht draußen zu Ende.

Das Licht erlischt langsam, bis es stockdunkel im Saal ist. Die letzten Pausengäste tasten sich raschelnd zu ihren Plätzen. Sie flüstern. „Au“ oder „Entschuldigung“ und erhalten als Antwort „Pst“.

Das Licht bleibt aus.

Schwarz, schwarz, schwarz. Das Geraschel in den Zuschauerreihen verklingt. Rebecca drückt unwillkürlich ihre Tasche an den Bauch.

Gute Gelegenheit für Diebe.

Schemen tauchen auf. Braun im Schwarz. Von der Bühne kein Laut. Dann setzt Summen ein. Echte Stimmen, perfekt aufeinander abgestimmt. Ein einziger vielschichtiger feiner Klang.

Ist die Lichtanlage kaputt?

Wo ist der technische Sound? In der ersten Halbzeit hatten die Komiker auf allen möglichen selbstgebauten Instrumenten gespielt. Sie erzählten von der Musik, wie sie entstanden war und was die Urzeitmenschen mit der Musik wollten. Sie besangen angeblich den Mond. Die Künstler behaupteten, dass so Musik entstanden sei. Den Mond für das Schicksal gnädig stimmen.

Geht es jetzt um das Licht?

Wie kam das Licht auf die Welt?

Raunen von hinten: „Macht mal weiter!“

Die Bühne bleibt dunkel. Nur der leise Ton vibriert.

„Licht kann man nicht messen“, tönt eine Stimme.

Ist das die Performance?

Eine schwitzige Hand greift nach Rebeccas Hand. Sie schiebt sie weg. Die Hand greift wieder nach ihrer, zieht an ihr, als ob sie aufstehen soll. Hannes sitzt unbeteiligt neben ihr. Er greift nicht nach ihrer Hand. Wäre ja auch das Allerneueste, dass Hannes sich für sie interessieren sollte. Angela hat ein Auge auf ihn geworfen. Aber er nicht auf sie. Er interessiert sich für niemanden. Doch man kann gut mit Hannes ausgehen. Immer ein Joke, immer locker. Abende mit Hannes und seinen Freunden sind lustig.

Es zieht an Rebeccas Hand. Sie gibt etwas nach und erhebt sich, ihre Tasche rutscht auf den Boden. Jetzt erkennt sie die Bühne. Sie ist leer. Kein Hocker, kein Plastikeimer als Schlagzeugersatz, nicht einmal ein Staubkorn. Ein Staubkorn hätte sie auch erkannt, denn der Boden glänzt wie eine Eisfläche. Wie eine Tanzfläche.

Wer zieht an meiner Hand? Es ist ein schwarzer Schatten. Es könnte ein Wolf sein, der einen schwarzen Umhang trägt oder ein dicker Mensch. Oder ein Bär. Es stinkt wie im Bärenpark im Zoo.

Licht verstehen heißt in der Physik den ersten Schritt weg von dem reinen Materialismus gehen.

Licht verstehen wir nicht als Teilchen – oder nur teilweise als Teilchen. Was ist Materie, wenn sie kein Teilchen ist? Eine Welle.

Rebecca erinnert sich nur dunkel an ihren Physikunterricht. Licht hat die größte Geschwindigkeit, die für Menschen messbar ist.

Die Hand, die sie zieht, ist keine menschliche Hand, höchstens vielleicht eine Affenhand, oder doch eine Bärenhand? Rebecca gibt nach, trennt sich vom Boden und fühlt sich seltsam schwerelos. Sie bewegt sich in Zeitlupe, beobachtet sich, sieht sich selber zu, als ob ein Teil von ihr auf dem Stuhl sitzen bliebe. Die Hülle Rebecca, die bisher jeden Schritt in ihrem Leben brav gegangen ist, die Hülle Rebecca sitzt nach wie vor auf dem Stuhl und ergötzt sich an dem Kabarett. Die innere Masse Rebecca schwebt schwerelos über die Bühne mitten in das tiefe Dunkel.

Mitten in ein Dunkel hinein kann man nur schweben, wenn am Ende ein Lichtschein ist. Doch dieses Dunkel wird am Ende noch dunkler. Rebecca winkt ihrer Hülle in Gedanken zu, wünscht ihr einen schönen Abend, ein schönes Leben, ist nicht schade drum, es war sowieso ereignislos, sie kann ruhig mal kurz abhauen, vielleicht kommt sie ja zurück, aber nur vielleicht, denn im Moment weiß sie gar nicht, ob sie überhaupt zurückkommen will.

Das Dunkel mit dem noch dunkleren Zentrum macht ihr keine Angst. Es ist sonnenklar, dass sie dahin geht, da musste sie schon seit Urzeiten hin, alles, ihr ganzen Leben war darauf angelegt sich auf diesen Weg zu begeben.

Nimmt sie die Sonne mit?

Rebecca schwebt schon über der Bühne, auf der Höhe der Scheinwerfer. Sie blickt noch einmal zurück und sieht ihre Hülle neben Angela und Hannes. Drei lachende Hüllen, oder eine? Sind die anderen alle mit ihr geflogen? Ist sie in dieser Dunkelheit am Ende nicht allein? Alle Zuschauer schwirren jetzt über der Bühne und betrachten ihre Hüllen? Ist das eine Vorführung der vierten Dimension? Der Dimension, die wir eigentlich nicht denken können?

Erschreckend, dass sie nicht alleine schwebt, sondern all diese unsäglich langweiligen Zuschauer mitnimmt. Da muss man erst zu den Scheinwerfern schweben, um zu erfahren, dass sie alle Menschen, mit denen sie sich umgeben hatte, ermüdend findet. Rebecca erschrickt so sehr über ihre eigene Arroganz, dass sie fast wieder in ihre Hülle zurückgezogen wird.

Dorthin will sie nicht zurück – gerade wo das Neue lockt. Sie atmet tief ein und spürt ihr Herz, wie ihr Herz doch an den Menschen hängt.

(…)

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