Cover des Kriminalromans "Wenn ich tot bin, werd ich Diamant" von Tine SprandelEnde Juni, in den französische Alpen
Ein Arm zog Lena von der Felskante.
„Vorsicht“, sprach eine tiefe Stimme mit leicht hysterischen Zwischentönen. Sie hatte sich das Massiv am Mont Blanc bewusst ausgesucht. Sie wollte den Berg der Berge in den Alpen vor den Augen haben, wenn sie fiel. Und nun hielt sie irgendein Trottel für lebensmüde.
Sie blickte hinter sich. Nein. Nicht. Der.
Grotolowsky.
„Wo kommst du her?“
„Zufall.“
„Lügner. Mein Vater hat dich als Aufpasser geschickt!“
Grotolowsky machte ein schuldbewusstes Gesicht.
„Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“
„Auf Sepps Seite. Sonst auf keiner.“
Lena sah ihn an. Nach wie vor trennte sie nur einen Schritt vor dem Abgrund. Das schien Grotolowsky zu beunruhigen. Sie hatte sich insgeheim einen Begleiter gewünscht. Nun hatte ihr das Universum diesen Privatdetektiv geschickt. Wie sollte sie das nur aushalten?
„Ich habe ein Seil dabei. Sorgen Machen nicht nötig“, sagte sie.
„Kletterer klettern normalerweise Wände hoch, aber ich sehe hier nur einen Abgrund.“
„Und ich werde springen.“
Grotolowsky starrte sie so durchdringend an, dass sie hinzufügen musste: „Sicherst du mich?“
„Du bist verrückt.“
Lena lachte. Ja, das wusste sie. Aber sie musste das Gefühl kennen lernen. Fallen, fallen, fallen und am Ende würde sie Halt finden. So wie in dieser Geschichte. Sie hatte alles sorgfältig geplant und Grotolowsky konnte ihr nichts abschlagen, einfach weil sie jung und Iris-Angies Tochter war.
Sie sagte:  „Du bist ein netter Dreckskerl, und das ist mehr als andere von sich behaupten können. Keine Spur von Moral, bei dir geht es nur um Kohle – und dabei lässt du jeden viel mehr sein, so wie er ist, als jeder andere Mensch, den ich kennen gelernt habt.“
„Die Welt braucht nicht nur Saubermänner“, antwortete Grotolowsky. „Aber Kamikaze braucht die Welt auch nicht.“ Er versuchte noch einmal, sie von der Felskante wegzuziehen.
„Wo ist da die Grenze? Wenn du mich sicherst, wird mir nichts passieren.“
„Du könntest am Felsen anschlagen und bewusstlos werden.“
„Dann holst du mich da rauf.“
„Für diese Aktion werde ich wieder im Gefängnis landen.“
„Nur wenn ich es verrate. Außerdem bin ich volljährig. Du bist also nicht mein Beschützer.“
„Grob fahrlässig ist das trotzdem, was du vorhast.“
„So viel fahrlässiger als Bungeespringen oder diese Wand heraufzuklettern?“
„Viel fahrlässiger.“
„Ich werde von deinem Schweigen abhängig sein“, antwortete Lena. „Sowie du von meinem Schweigen abhängig bist.“
„Nein, nur durch meine Hartnäckigkeit bin ich aus dem Gefängnis raus – durch deine Blödheit gehe ich nicht wieder darein.“
„Dann mach deinen Job gut!“
Grotolowsky seufzte.
Lena überprüfte den Halt der Seilsicherung und der Gurte. Sie setzte ihren Helm auf, sie prüfte alle Karabiner auf ihren Lauf und trat rückwärts an die Felskante.
Schweißperlen rannen Grotolowskys Schläfen entlang.
„Ich bin wahnsinnig“, murmelte er. „Wahnsinnig.“

Lena checkte ein letztes Mal die Halterungen an ihrem Bauch, sie blickte zu Grotolowsky und zu der Sicherung am Felsen – dann sprang sie.

(…)

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