leseproben

Cover des Kriminalromans "Wenn ich tot bin, werd ich Diamant" von Tine SprandelEnde Juni, in den französische Alpen
Ein Arm zog Lena von der Felskante.
„Vorsicht“, sprach eine tiefe Stimme mit leicht hysterischen Zwischentönen. Sie hatte sich das Massiv am Mont Blanc bewusst ausgesucht. Sie wollte den Berg der Berge in den Alpen vor den Augen haben, wenn sie fiel. Und nun hielt sie irgendein Trottel für lebensmüde.
Sie blickte hinter sich. Nein. Nicht. Der.
Grotolowsky.
„Wo kommst du her?“
„Zufall.“
„Lügner. Mein Vater hat dich als Aufpasser geschickt!“
Grotolowsky machte ein schuldbewusstes Gesicht.
„Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“
„Auf Sepps Seite. Sonst auf keiner.“ mehr +

brachland, gleisödland
was ich daran liebe?
die margeritenblüten,
die ihren lebensraum erobern

tine 7-14

2. Kapitel: Fuß fassen

Sigrid musste etwas unternehmen, um in dieser Stadt Fuß zu fassen. Wie alle einsamen Frauen stand ihr der Gang in einen Italienischkurs der Tiroler VHS offen oder Feldenkrais oder Keramik bemalen. Sie könnte sich auch öffentlichen Führungen durch die Geschichte Wörgls anschließen. Nur wo versteckte sich die Historie in Wörgl? Unter den Meilensteinen, die die Stadtverwaltung mangels echter Kulturgüter mit echtem Einfallsreichtum ins Pflaster eingebunden hatte?
Sie verwarf alle Alternativen und ging zum Mittagessen in die Post. Sie hatte sich für Tiroler Gemütlichkeit entschieden.
Sigrid kostete den Salat mit Putenbruststreifen, da betraten ein älteres Paar und ein Mann mittleren Alters den Gastraum. Das Paar kannte sie als Kunden; er wartete treu, bis seine Frau mit viel Hingabe ein Tuch passend zu ihrem Dirndl ausgewählt hatte.
„Ah, die Frau Loden muss sich auch stärken, angenehm.“ mehr +

Ein Kapitel „Nele“

Cover 'Nele' con Tine Sprandel

1. Kapitel – zweiter Teil

„Kannst du nicht mal leise durch den Flur gehen?“ Mila Mütze krächzte aus ihrem Zimmer. Ihr Bruder Ben klopfte an ihre Tür und öffnete sie, ohne die Antwort abzuwarten.
„Schlaf weiter, Schwesterchen, und träum schön!“
Sie brummelte etwas in ihr Kissen und Ben lehnte die Tür an. An diesem frühen Morgen konnte ihn nichts aufregen. Mila nicht und die schlechte Nacht auch nicht. Sonderbar. Er hatte nichts erreicht. Erst traf er nur auf Alarmanlagen, die er noch nicht kannte, dann diese Frau. Und trotzdem fühlte er sich gut.
Ben stellte seine Tasche auf den Küchentisch und Resi huschte heraus. Sie sprang auf den Boden und suchte sofort den Wassernapf. Der war noch leer, Resi stupste die Metallschüssel an, sodass sie scheppernd über die Fliesen kullerte. mehr +

Erstes Kapitel: Wer hat Angst vorm Drachen? Niemand!

Vorlesegeschichte für KinderEin Drache. Er nähert sich. Er ist grün und blau und mit dunklen Punkten. Nein, das sind keine Punkte, das sind Flecken. Große weihnachtsbaumgrüne Flecken. Miro, Lotte, Sven, Fabian und Laslo, die Kinder aus dem Lagerhaus, ducken sich hinter eine zerbrochene Fensterscheibe und schielen auf den Parkplatz. Sie sind auf zerbeulte Reifen geklettert, um besser sehen zu können. Draußen schüttet es.

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Kapitel 1

cover "Treppensturz"„Rita saß auf der zweituntersten Stufe mit gebeugtem Rücken, das Gesicht in den Händen verborgen. Sie spürte den zu kalten Beton durch die Jeans hindurch. Sie saß hier schon seit Stunden. So würde sie sich eine Blasenentzündung holen. Gedanken ploppten durch ihr Hirn. Die Zeit außer Kraft gesetzt. Ein Mensch lag zerschmettert zu ihren Füßen. Und sie dachte über eine Blasenentzündung nach.

Viele Stimmen sammelten sich seit einigen Minuten um sie herum. Sie hörte sie kaum, nur eine Stimme drang deutlich hervor: „Das ist die Zeugin, die den Mordanschlag überlebt hat, Frau Kommissarin.“

Scharfe Luft schoss durch scharfe Zähne. Rita vernahm das Zischen mit Erleichterung.

„Passen Sie mit Ihrer Wortwahl auf. Wir wissen noch nicht, was hier geschehen ist. Also verwenden Sie keine Begriffe wie ‚Mord‘, ist das klar?“ mehr +

„Ungerecht!“ Leseprobe

1. Kapitel: Ein Kloster voller Möglichkeiten

Cover "Ungerecht!" von Tine SprandelJakob trabte an der hohen Mauer entlang und drückte die Klinke der Holztür. Er stemmte sein Gewicht dagegen, dann erst öffnete sich die Tür. Es roch nach dicken Wänden, die kaum etwas von der Wärme des Sommers abbekommen hatten. Die Vorhalle blinkte kalt und kahl. Die neuen Turnschuhe quietschten zu laut auf den abgelaufenen Fliesen. Es war der zweite Schultag im neuen Schuljahr in der neuen Stadt.

Zuerst marschierte Jakob an gleichförmigen Türen vorbei. Mit Schildern, auf denen zu lesen war: „Pforte“, „Sekretariat“ „Putzraum“. Am Ende des Ganges bog er um die Ecke.

Es folgten rechts und links vier Türen: „Frühling“, „Herbst“, „Sommer“, als letztes sein Klassenzimmer „Winter“.

Ein ganzes Schuljahr Winter. Zum Gruseln.

Die Tür stand offen.

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„Heiliger Bodenkrümel, wo bin ich nur hingeraten? Hier kann ich nicht bleiben!“ …

Regenwurm in einer Kinderhand… dachte Knut und wühlte sich durch den sandigen Boden an die Oberfläche. Draußen war es angenehm feucht. Doch wohin sollte er kriechen?

Feine Signale schwirrten durch Knuts geringelten Körper und sammelten sich an einem Ende zu einem deutlichen Eindruck: Licht. Knut zuckte zusammen. Mit Sonnenschein konnte er nichts anfangen. Normalerweise wagte er sich nur bei Dunkelheit an die Oberfläche.

„Ich werde vertrocknen!“, schimpfte er.

Plötzlich hob sich die Erde um ihn herum und Knut wurde durch die Luft geschleudert. Er spürte die heiße Sonne auf seinen 75 Körperringen und landete auf schwarzem Boden.

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1. Fusulus

Das Fuchsmännchen Fusulus verließ nie sein Revier. Warum auch. Um ihn herum herrschte grüne Wildnis. Wässrig grün, moosgrün, dunkelgrün und überall lindgrün. An manchen Ästen schimmerten Nadeln, an anderen große, gezackte oder glatte Blätter. Lianen gleich hingen Waldreben von den Wipfeln. Der Boden verschwand unter Beerensträuchern, riesigen Blättern des Bärenklaus, lila Blütenrispen vom Fingerhut, weißen Sternchen des Waldmeisters. Es duftete nach Wiese und morschem Holz. mehr +